Friday, April 22, 2016

Rückmeldungen zum interrel. Rb. Nr. 2016-02



(22.04.2016)


Liebe Leser*innen,

auf den interreligiösen Rundbrief Nr. 2016-2 erhielt ich ein paar Rückmeldungen, die ich hier teilweise wiedergebe:

Marianne Horling von der United Religions Initiative leitete den Rundbrief in ihrem interreligiösen Verteiler weiter mit den Worten:

„[…]
Unser Freund Dr. Michael Schmiedel ist in seinem Interreligiösen Rundbrief auf die Terroranschläge eingegangen und hat sich differenziert mit den Beurteilungen und Verurteilungen ganzer Religions- und Volksgemeinschaften auseinandergesetzt. Er gibt hier wichtige Argumente an die Hand, um nicht in die Pauschalfalle zu geraten. Wer - neben dem Ostereiersuchen - noch etwas Zeit hat, kann sich ja mal mit den Argumenten befassen. […]“


Dr. Gerhard Müller-Chorus, Mitglied unserer Bonn/Kölner Religions for Peace-Gruppe, schrieb mir:

„[…]
vielen Dank für Ihre interessanten Überlegungen mit der Parallele Deutschland-Islam, ein wahrhaftes Ostergeschenk.
Von mir aus die Anregung, sich mit den Thesen des Islamforschers Olivier Roy (EUI Florenz) siehe FAZ  vom 26.März S.2 auseinanderzusetzen, der in den in Europa tätigen "Djihadisten" aus den Problemvorstädten weniger eine gewalttätige Spielart des Islamismus sondern Kinder des europäischen NIhilismus sieht.
Er führt eine interessante Kontroverse mit Kepel!! […]“

Danke für den Hinweis!


Helmut Bleifeld, ein Onkel meiner Frau und Gartenbauingenieur i.R., schrieb mir:

Danke, lieber Michael, für Deine Gedanken u. Fakten.
Der persönliche Glaube, wie auch immer er entstanden ist, ist nur so lange harmlos, so lange er ‚im stillen Kämmerlein‘ lebt.
Wenn man aber ‚überzeugter Gläubiger‘ ist und glaubt, diese Glaubensüberzeugung verbreiten zu müssen,  wird ‚Religion‘ zur Droge und/oder zur Waffe, die man schwer wieder unter Kontrolle bekommt. (Das ist ganz allgemein gemeint u. hat mit Deinem Rundbrief nichts zu tun).
Meine These von der evolutionären Fehlentwicklung MENSCH, wird durch die Exzesse vergangener und aktueller Tage nur noch mehr genährt.
Märtyrer hat es schon immer gegeben und wird es geben, solange der Glaube  nicht bei allen Menschen der gleiche ist.
Weltbewegendes haben Märtyrer nicht bewegt, aber die Erinnerung an sie am Leben gehalten.
Leider kann ich Deine Gedanken nicht ‚fachlich u. sachlich‘ kommentieren, da mir die entsprechenden Informationen fehlen.
‚Ich lebe, also bin ich‘……..
Du hast den Humanismus  -  ich den Humus.
Danke nochmals für den Rundbrief, dem ich leider nichts hinzufügen kann.“

Ich denke, es kommt darauf an, wie jemand seinen Glauben verbreiten will, mit physischer, psychischer oder struktureller Gewalt oder durch vorbildhaftes Leben und dadurch, das Interesse des Anderen zu wecken, bei vollem Respekt vor seiner Freiheit. 


Dr. Jan Reichow, Musikjournalist und inzwischen leider im Ruhestand befindlicher Radiomacher beim WDR,  schrieb mir generell zu den interreligiösen Rundbriefen:

„Übrigens bin ich ein dankbarer Leser Ihrer Rundbriefe zu Religionsfragen und finde - obwohl selbst eher glaubensfern - Ihre Erörterungen sehr überzeugend. Ich erinnere mich z.B. positiv an Ihre lang zurückliegende Aufklärung über den angeblich radikal friedfertigen Buddhismus.“


Des Weiteren kamen zwei Rückmeldungen von wissenschaftlicher, genauer evangelisch-theologischer und religionswissenschaftlicher, Seite, die eine Aussage des Rundbriefes kritisierten und zwar diese:
Rein historisch können wir da ja nichts beweisen. Weder Jesu Kreuzigung und erst recht nicht seine Auferstehung sind durch außerchristliche Zeugen belegt.

Die ausführlichste Kritik formulierte meine Bielefelder Kollegin, die ev. Kirchenhistorikerin Dr. Jutta Tloka, die ich hier nicht zur Gänze wiedergebe:

Das ist (teilweise) schlicht falsch. Selbstverständlich können wir ‚rein historisch‘ die Kreuzigung beweisen. Du wirst auch keinen Historiker finden, der die Existenz der Person Jesus von Nazareth und seine Hinrichtung in Form der Kreuzigung bezweifelt.
Leider ist das ein ausgesprochen populärer Satz, dass die fehlende Belegung durch außerchristliche Quellen ein Hinweis auf Unglaubwürdigkeit sei. Dies ignoriert das - auch durch Handschriftenfunde - belegte Alter der ‚christlichen Quellen‘ - wobei z.B. die Evangelisten, ja wohl selbst Paulus noch gar nicht wussten, dass sie ‚Christen‘ sind, die nun im Sinne einer religiösen Weltverschwörung ausgerechnet einen gekreuzigten Messias erfinden, den alle, sowohl Jude wie auch Pagane, aufgrund der religiösen wie gesellschaftlichen Ächtung der Kreuzigungsstrafe wohl als eher wenig messianisch empfinden mussten. Die mit Vatermord / Gottesfluch und (modern gesprochen) Terrorismus assoziierte Todesstrafe ist nun nicht die optimale Wahl, wenn man jemanden als Heiland verkaufen will.
Gerade dafür, nämlich die Lächerlichkeit, an einen Gekreuzigten zu glauben, haben wir außerchristliche Quellen: 2. Jh.: Lukian, Kelsos, das Spottkruzifix (ein Graffito) - indirekt auch Sueton, Marc Aurel, Tacitus (die berühmte Stelle) und Plinius d.J. Für einen zu diesem Zeitpunkt noch eher unbedeutenden ‚Barbaren‘ wie Jesus von Nazareth eine eher ungewöhnliche Häufung an das, was Du ‚nichtchristliche Quelle‘ bezeichnest.
Weiters ist der Anspruch, für die Existenz einer zudem antiken Person Quellen zu verlangen, die nicht - nennen wir es ‚ideologisch‘ - der gleichen Richtung angehören, methodisch problematisch, und es stellt sich die Frage, warum wir hier Kriterien an Jesus v. Nazareth anlegen, die wir an keine andere Person anlegen: Weil damit eine bestimmte Religion, die sich selbst über ein historisches Ereignis definiert, angreifbarer wird?
Historisches Arbeiten heißt jedoch sine ira et studio, Kriterien sind durch ihre methodische Überprüfbarkeit legitimiert und es gibt keinerlei Anlass, eine Person des ersten Jh. anders zu fassen als jede andere dieser Zeit.
Sokrates und Platon findest Du auch nur in platonischen Quellen - nimmst Du das Alter der diesbezüglichen Handschriften, dann haben diese beiden mit 100%iger Sicherheit nicht gelebt, wolltest Du an der Existenz Jesu von Nazareth auch nur den Hauch eines Zweifels anmelden. Das Gleiche gilt übrigens für Aristoteles, Epikur, Diogenes, Caesar, Cicero, Cato, noch mehr Porphyrios, Hypathia, aber selbst irgendeine außerchristliche Quelle (und im 5. Jh. dürfen wir das wirklich so nennen), die Augustin bezeugt, ist mir nicht bekannt.
Kurzum: Du wirst unter Anwendung der historischen Methoden keine antike Person finden, die besser bezeugt ist als Jesus von Nazareth, quantitativ und vor allem qualitativ.
Damit ist selbstverständlich nichts bewiesen, denn die Auferstehung können wir historisch nicht nur nicht beweisen, sondern, wie ich es meinen Studenten beibringe, sie hat historisch nicht stattgefunden. Diese Differenzierung mag den meisten egal sein, aber Du wirst einer Historikerin verzeihen, dass sie mir nicht egal ist. Mir geht dieser angeblich antiideologische Impetus gehörig auf die Nerven, den man (nicht von Dir, aber ansonsten bei jedem) sich gerade in dieser Zeit anhören muss. […]“
Es ging dann noch weiter zu anderen, verwandten Themen.

Die andere Kritik an dieser meiner Äußerung kam von Prof. em. Dr. Michael Pye, Religionswissenschaftler an der Uni Marburg, der schrieb:
„[…]ich finde folgende Formulierung etwas verfeinerungsbedürftig (auch wenn Kürze geboten ist:
> Rein historisch können wir da ja nichts beweisen. Weder Jesu
> Kreuzigung und erst recht nicht seine Auferstehung sind durch
> außerchristliche Zeugen belegt.
Die Kreuzigung und Auferstehung wurden und werden zwar dialektisch aufeinander bezogen, jedoch sind es zwei unterschiedliche Momente. Die Kreuzigung kann man als ‚historisch‘ einstufen, die Auferstehung aber nicht. Es macht keinen Sinn, etwa zu erwarten, dass die Auferstehung ‚rein historisch‘ belegt werden könnte, ob durch außerchristliche oder christliche Zeugen. Dagegen macht es durchaus Sinn, zu fragen, ob die Kreuzigung (Jesu) durch außerchristliche Zeugen so belegt ist. Die Antwort darauf ist nein. Andererseits sind die christlichen Zeugen (a) nicht nur sehr detailliert, (b) teils voneinander unabhängig und (c) plausibel in Bezug auf dem Hintergrund, so dass es völlig unverantwortlich wäre, sie ‚rein historisch‘ anzuzweifeln. Die rein historische Wahrscheinlichkeit (mehr gibt es eigentlich selten in älterer ‚Geschichte‘) dass Jesus tatsächlich gekreuzigt wurde ist einfach so hoch, dass sie nicht sinnvoll angezweifelt werde kann.
Im interreligiösen Dialog ist es daher auch nicht sinnvoll, diese Historizität anzuzweifeln.“

Mit beiden habe ich anschließend noch etwas diskutiert, woran sich in der religionswissenschaftlichen Yggdrasill-Liste auch noch weitere Personen beteiligten. Das gebe ich hier aber nicht wieder, da es zu viel würde.

Ja, so eine kleine Formulierung kann schon mal wissenschaftlich falsifiziert werden. Was ich aber eigentlich damit sagen wollte, ist, dass es vor allem keine römischen Zeugnisse in Form von Gerichtsurkunden oder andere Augenzeugenberichte gibt, die beweisen, dass Jesus von Nazareth am Kreuz starb und nicht statt seiner ein anderer, wie es die islamische Theologie lehrt, wenn auch viele gute Gründe dafür sprechen, dass es so war, so dass ich auch gar nicht daran zweifele. Es ging mir nicht darum, die Aussage um den Kreuzestod Jesu als unglaubwürdig hinzustellen, sondern nur darum, sich nicht darüber zu grämen, wenn Muslime was anderes glauben.

Ich werde jedenfalls künftig vorsichtiger sein mit mal eben schnell dahin geschriebenen Behauptungen, ohne zu erklären, was ich damit sagen will.

Wir diskutierten im Folgenden auch noch ein wenig darüber, wie man denn im interreligiösen Dialog damit umgehen soll, wenn religiöse Lehren und wissenschaftliche Theorien oder Erkenntnisse in Bezug auf geschichtliche Vorgänge einander widersprechen. Meiner Meinung nach, sollte man damit in etwa so umgehen, wie mit einander widersprechenden religiösen Lehren: Zunächst einfach mal stehen lassen, nicht versuchen, seine Sicht der Dinge, sei sie religiös oder wissenschaftlich, durchzudrücken. Wenn man aber genug Vertrauen zueinander hat und jeder vom anderen weiß, dass er es nicht böse meint, kann man auch intensiver diskutieren, ohne religiöse Gefühle zu verletzten oder den friedlichen Dialog zu gefährden. Vielleicht gelingt es auch, auf eine gemeinsame Metaebene zu gelangen.

Ich überlasse gerne Michael Pye das letzte Statement: „[…]ich denke dass je nach Dialogsituation durchaus auf Realitäten hingewiesen werden muss. Aber nicht alles muss gleich als Konfliktpunkt hervorgehoben werden. Besser als Widersprechen ist häufig Fragen stellen, usw... […]“


Herzliche Grüße,
Ihr/Euer Michael A. Schmiedel

 



ansonsten:
Marcel Adam - De Oschderhaas
https://www.youtube.com/watch?v=e5nn_ocah30
L'alba " sta mane "
https://www.youtube.com/watch?v=E9Ote3hejqU
Lisa Jên (9Bach) - Lliwiau
https://www.youtube.com/watch?v=vA6kqH-bTuE
Blowzabella recording in France 2013
https://www.youtube.com/watch?v=YhfrhJWR_AE
Irish Spring 2016 - Festival of Irish Folk Music TOUR – Preview

https://www.youtube.com/watch?v=zWZck_s1I4E

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Dr. Michael A. Schmiedel