Thursday, August 18, 2016

Interreligiöser Rundbrief Nr. 2016-04


Interreligiöser Rundbrief für Bonn und Umgebung Nr. 2016-04 (18.08.2016)


Man kann Gott nicht besser finden als dort, wo man ihn lässt.

Nimm Dich selber wahr, und wo Du Dich findest, da lass Dich.

Der Mensch lasse zuerst sich selbst, dann hat er alles gelassen.
                                                                                                                  Meister Eckhart[1]
Liebe Leserinnen und Leser,

ich habe jetzt eigentlich nur zwei Sachen für Euch, nämlich
1. eine öffentliche Erklärung des neuen Interreligiösen Friedensnetzwerkes für Bonn und Region (nebst ein paar Gedanken dazu von mir) und 
2. Rückmeldungen zu meiner Umfrage im letzten interrel. Rundbrief.

1.
Nicht mit uns! Wir halten zusammen!
Erklärung des IFN nach dem Attentat in Nizza am 14.07.2016
Nach dem abermaligen Anschlag in Frankreich, dessen ideologische Hintergründe noch nicht ganz klar sind, sagte Elma Theveßen, Sicherheitsexperte im ZDF, dass eines der Hauptziele des sogenannten IS, das er mit vielen individuellen Anschlägen verfolge, sei, einen Keil in die europäische Gesellschaft zu treiben, indem er die antiislamische Stimmung schüren und so Feindschaft zwischen Muslimen und Nichtmuslimen säe.

Nicht mit uns! Wir halten zusammen!
Menschen gleich welcher Religion und Herkunft bilden eine gemeinsame Gesellschaft. Wir halten zusammen, Muslime, Christen, Buddhisten, Atheisten und so weiter, gegen Terrorismus und Hass, gleich aus welcher Weltanschauung heraus, für den Frieden, für Gerechtigkeit, für die Liebe!
(17.07.2016)
http://ifn-bonnregion.jimdo.com/erkl%C3%A4rungen/

+

Ein paar Gedanken von mir:

Diese Erklärung ist jetzt auch schon wieder einen Monat alt, und seitdem gab es noch mehr Anschläge in verschiedenen Ländern Europas, Asiens und Afrikas. Man kann sie kaum noch zählen. Und für alle diese Anschläge gilt die obige Erklärung, also nicht nur für den in Nizza.

Ich merkte es auch neulich in einer Diskussion im Internet. Ein Diskussionsgegner meinte, Islam führe unausweichlich zum Islamismus. Und dieser sei natürlich unweigerlich terroristisch. Folglich seien dann also alle Muslime latente Terroristen. Keine Differenzierung, weder nach islamischen Richtungen, noch nach Menschen mit ihren je eigenen Interpretationen von Koran, Sunna und Islam überhaupt und nach ihren jeweiligen Lebensumständen. Ich habe dabei den Verdacht, dass solche Menschen das gar nicht böse meinen, sondern der Auffassung sind, mit ihrer Meinung die Realität abzubilden. Sie denken wahrscheinlich angstgesteuert, aus Angst vor den Terroristen eben, die zudem aus einer fremden Kultur stammen. Die gleiche Angst haben diese Menschen oft vor Flüchtlingen, denen sie unterstellen, den Terror oder Krankheiten oder einfach nur den Herrschaftsanspruch ihrer Lebensweise nach Europa zu bringen. Neulich kam im Fernsehen ein Film über das Pogrom gegen die Juden in Erfurt 1349.[2] Auch die Menschen, die damals dem Erfurter Judentum das Ende bereiteten waren angstgesteuert. Es war vor allem die Angst vor der Pest, verbunden mit wirtschaftlichen Unsicherheiten. Da hatte man in den Juden willkommene Sündenböcke. So weit sind wir in Europa noch nicht. Und es darf auch nicht so weit kommen. Die Terroristen, die sich auf den Islam berufen, wollen ja genau das: Pogrome gegen Muslime. Käme es so weit, würden sie sicher Zulauf bekommen von bislang unentschlossenen Muslimen, so wie in der Türkei Herr Erdoğan durch den Putschversuch Zulauf bekam. Extreme Aktionen fördern extreme Antworten.

Deshalb ist es so wichtig, zusammenzuhalten! Muslime sind genau so wenig latente Terroristen, wie Deutsche oder Türken latente Nationalisten sind. Jeder Mensch kann durch Ideologien geködert werden, und dies umso leichter, je mehr er darin den einzigen Ausweg aus einer unangenehmen oder auch untragbaren Situation sieht. Im Fernsehen schrie eine Erdoğan-Anhängerin: „Wir sind keine Kümmeltürken mehr!“[3] Ja, wer die Erfahrung macht, aufgrund seiner türkischen Identität immer angefeindet oder beleidigt zu werden, geht leicht einem Demagogen auf den Leim, der verspricht, die Ehre des Türkentums wieder herzustellen. So was hatten wir Deutsche auch schon mal. Und so geht es Muslimen, die ihrer religiösen Identität wegen beleidigt werden, und Christen und Deutschen und Juden und Polen und Russen oder wem auch immer. Menschen sind Menschen und brauchen Respekt! Wer keinen Respekt erfährt, wird leicht fanatisch und extremistisch und mitunter auch gewalttätig. Deswegen wollen solche extremen Parteien auch gerade dieses Gefühl in den Menschen hervorrufen: „Ihr werdet nicht respektiert! Ihr werdet beleidigt, bedroht und seid in Gefahr, verloren zu gehen. Wir ändern das! Aber wir brauchen Euch dazu!“ Die Feinde, ob nun die islamische, die jüdische, die christliche, die westliche oder sonst irgendeine Weltverschwörung, sind schnell ausgemacht und an den Pranger gestellt. Und einstige Kampfgefährten, die zu einer Konkurrenz geworden sind und sich nicht unterordnen wollen, werden gleichermaßen zu Feinden erklärt, heißen sie Trotzki, Röhm oder Gülen. Man verzeihe mir hinkende Vergleiche, aber es gibt eben nur Ähnlichkeiten, keine Wiederholungen in der Geschichte.  

Deswegen sagen wir im IFN: Nicht mit uns!

Wir lassen uns nicht auseinander dividieren und aufeinander hetzten! Wir sind eine Gesellschaft, die in sich pluralistisch ist und sein soll. Wir stehen zum Grundgesetz und zu den Menschenrechten. Wir respektieren einander in unseren Unterschieden und finden doch immer wieder genug Gemeinsamkeiten, um einander zu verstehen. Unser Demokratieverständnis umfasst auch den Schutz von Minderheiten. Die Schwachen brauchen die Starken, die Wenigen die Vielen. Ohne das funktioniert keine Demokratie, sondern wird zur Diktatur der Mehrheit.

Jetzt habe ich schon wieder mehr geschrieben als ich wollte, und es gibt noch den zweiten Teil:

2.
Rückmeldungen auf meine Frage vom letzten Rundbrief, ob der interrel. Rundbrief gefalle oder nicht und was zu verbessern wäre.
Es waren nicht viele, eigentlich nur vier, Rückmeldungen, und ich gebe sie hier mal der Reihe nach wieder:
2.1.
Ist ja super! Tolle Arbeit, ich wünsche mir Unterhaltung, Bildung, Informationen.
Eine Form von Magazin mit Tiefgang.
Vernetzung ist ein "artig Ding", ohne geht nichts mehr.
Grüsse
Marga

Rückfrage von mir:
Tja, und bietet der IRB das, was Du wünschst, liebe Marga?

Antwort:
Ich denke nach, bin gerade im Seminar. Bis jetzt war ich bestens informiert-bis bald
Marga

(Von Margarete Rettkowski-Felten, Künstlerin in Köln)

2.2.
Lieber Michael, -
dass es den Interreligiösen Rundbrief gibt, finde ich sehr gut. -
Da ich ja  meine mails  aus technischen Gründen auswärts empfange , kann ich selbst den Rundbrief  immer nur "überfliegen", bekomme so aber immer wieder mal  wertvolle Veranstaltungstipps. -
Herzlich
Jochen     -   die interkulturelle,  interkonfessionelle und interreligiöse Zusammenarbeit wird, meine ich, immer wichtiger, gerade weil die Tendenzen in der "Gegenrichtung " leider nicht schwächer werden, im Gegenteil, wie wir alle ständig und jetzt ganz aktuell mitbekommen...  –

(Jochen Bertram, regelmäßiger Teilnehmer beim interrel. Gesprächskreis in Bonn)

2.3.
well, i always enjoy reading your interreiligiöser rundbrief … but maybe that’s because, as a baha’i, i like to learn about other faiths in the same way i like, as a musician, to learn about other music and cultures.  your letter is a fine instrument in this direction and one of the few ecumenical offerings that actually takes my own religion seriously.

Ich übersetze mal:
Gut, ich genieße es immer, Deinen interreligiösen Rundbrief zu lesen. Aber vielleicht ist es auch, als ein Bahá’í liebe ich es über andere Glauben auf dieselbe Weise zu lernen wie als Musiker, etwas über andere Musik und Kulturen zu lernen. Dein Brief ist ein feines Instrument in dieser Richtung und eine der wenigen ökumenischen Angebote, die sogar meine eigene Religion ernst nehmen.

(Hugh Featherstone, englischer Musiker in Deutschland und Belgien, Sänger der Lokal Heroes in Bonn)

2.4.
Lieber Michael,
vielen Dank für den Rundbrief! Zu dessen Gestaltung kann ich leider nichts sagen, lese ich ihn doch zum ersten Mal!
Kleine Anmerkung zu dem Zitat "Ina Wunn. Patrick Urban Konstantin Klein...": Dazu bitte  lesen: "Der Appell des Dalai Lama an die Welt" (Ethik ist wichtiger als Religion), mit Franz Alt, 2015, Benevento, 4,99€.

Bis später mal, alles Gute und herzliche Grüße
Sabine v.K.
Bonn Buddhist Association
Bad Godesberg+++

(hat sich selbst vorgestellt)

Der Leser, der meine Frage ausgelöst hat, hat mir inzwischen mitgeteilt, dass der Rundbrief ihm eigentlich zu religiös sei oder zu wissenschaftlich oder einfach zu kompliziert und zu lang. Er ist aber, das muss ich zugeben, auch nur aufgrund seiner persönlichen Nähe zu mir im Verteiler, nicht aus eigenem Interesse. Ich habe aber eben den Anspruch, meine Ideen, An- und Einsichten weit zu streuen, da ich ja meine, da sie nicht ganz wertlos und unwichtig sind. Und immerhin sagte er nicht, ich solle ihn aus dem Verteiler nehmen!

Ich schaue mal, wie ich den Rundbrief noch anschaulicher gestalten kann, zum Beispiel mit einer Zusammenfassung am Anfang. Weiterhin habe ich ein offenes Ohr oder Auge für konstruktive Vorschläge.

Und noch ein Zitat:
Ein religiöser Mensch darf keine Ziele haben. Er muss absichtslos handeln.
Franz Meurer, röm.-kath. Priester in Köln[4]

Herzliche Grüße,
Ihr/Euer Michael A. Schmiedel

[1] 3 Zitate von Meister Eckhart. Die ersten beiden sind vor der Predigerkirche in Erfurt (www.predigerkirche.de) in den Boden gelassen, das dritte ist zitiert nach: Aphorismus, Zitate, Sprüche und Gedichte, www.aphorismen.de/zitat/16008 (geöffnet am 14.8.2016).
[2] Vgl. den Film Die Pest, die Angst und der Schatz von Erfurt von Gabriele Rose im MDR http://www.mdr.de/tv/programm/sendung671714_date-2016-08-07_ipgctx-true_zc-b376bd7b.html (geöffnet am 14.8.2016).
[3] So gehört in einer Nachrichtensendung im ARD oder ZDF im Rahmen der Berichterstattung über die Pro-Erdoğan-Demonstration in Köln am 31.7.2016.
[4] So gehört am 12.8.2016 vormittags in einer WDR-5-Radiosendung über die Bedeutung des Christentums in unserer Gesellschaft: http://www.deutschlandfunk.de/christlicher-glaube-welche-rolle-spielt-religion-heute.1176.de.html?dram:article_id=362666 (geöffnet am 1.9.2016). Wer Franz Meurer nicht kennt, lese den Wikipedia-Artikel über ihn https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Meurer (geöffnet am 14.8.2016)